Page 14 - AKTUELLE AUSGABE KEMPENKOMPAKT
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KEMPEN AKTUELL





       ÜBER STEINE, DIE


       WANDERN UND AM



       ENDE GAR NICHT SIND,


       WAS SIE SCHEINEN                                                           Schutz vor vor Beschädigung des Mauerwerks.
                                                                                  Schön, aber tatsächlich keine Kratzsteine zum


       In unserer April-Ausgabe hatte Gerhard Kuhl über die Herkunft der Redewendung „Kratz‘ die Kurve!“ geschrieben und bei einem
       Rundgang durch die Stadt auf einige markante Beispiele dieser steinernen Radabweiser hingewiesen. Doch nicht alle stehen noch
       da, wo sie ursprünglich ihren Dienst versahen. Und die zwei markanten Köpfe am Kuhtor, auch darauf machte uns Werner Beckers
       aufmerksam, dienten wohl ursprünglich an ganz anderer Stelle auch ganz anderen Aufgaben.


           angen wir mit den beiden Köpfen am   Kuhtor ein weiteres Stockwerk und auch sei-  Es fällt auf, dass die barocken Konsolen auf
           Treppenturm des Kuhtors an. Werner   nen Treppenturm. Gestützt wird diese Mittei-  dem alten Foto deutlich größer sind. Offen-
      FBeckers, ab  1971 über mehr als 33 Jah-  lung Klinkenbergs durch ein Foto, dass   bar  wurden sie nach ihrer  Versetzung ge-
       re Kustos des Kramer-Museums und mit der   Werner Beckers im Band „Kempen in alten   kürzt.  Und auch die  gestalterische  Sorgfalt,
       Stadtgeschichte vertraut wie kaum ein ande-  Ansichten“ des ehemaligen Stadtarchivars Ja-  die auf beide Gesichter – eine Frau und ein
       rer, kann sich noch an eine mündliche Mittei-  kob Hermes fand. Das Foto, aufgenommen   Mann – verwandt  wurde, spricht  eindeutig
       lung  von  Gottfried  Klinkenberg  erinnern:   etwa um die Jahrhundertwende, zeigt die En-  gegen ihre Verwendung als Prellstein, Kratz-
       Danach wurden diese beiden Köpfe nach   gerstraße, und darauf sind noch – zwar nur in   stein oder Radabweiser. Denn diese sollten ja
       dem Umbau des Kuhtors im Jahre 1898 vom   Umrissen – zwei große helle steinerne Figuren   gerade  Beschädigungen  durch Kutschenrä-
       Eingang der Bäckerei im Haus Engerstraße 4   vor dem Haus Nr. 4 zu sehen. Um die Jahr-  der aufnehmen, um die Substanz des Hauses
       an den damals neu errichteten Treppenturm   hundertwende wohnte dort der Bäcker Hein-  selbst zu schützen. Merkwürdig sind auch die
       versetzt. Klinkenberg, geboren 1878, war lan-  rich Schroers, der später das Burgcafé auf der   Metallspitzen,  die  noch heute  aus beiden
       ge Jahre Vorsitzender des Kempener Ge-  Thomasstraße  betreiben sollte. Ältere Kem-  Köpfen einige Zentimeter herausragen. Wer-
       schichts- und Museumsvereins und von 1932   pener mögen sich noch an die Bäckerei Wil-  ner Beckers vermutet, sie könnten ursprüng-
       bis zu seinem Tode 1957 auch Direktor des   helm Föhles erinnern, die seit Ende des Ersten   lich  der  Befestigung  eines Handlaufs am
       Kramer-Museums. Das Zeugnis Gottfried   Weltkrieges dort ihren Sitz hatte, später  über-  Eingang der Bäckerei gedient haben.
       Klinkenbergs hat also Gewicht, war er doch   nahm Heinz Wolters das Geschäft, und heute
       Zeitzeuge sowohl des Umbaus als auch der   befindet sich eine Filiale der Tönisberger Bä-  Viele Steine haben
       Versetzung. Beim Umbau 1898 erhielt das   ckerei Hoenen an dieser Stelle.       ihren Platz gewechselt

                                                                                Auch wenn es sich also bei  beiden  Steinen
                                                                                nicht um Radabweiser handelt, so ist es doch
                                                                                keineswegs ungewöhnlich, dass sich auch die
                                                                                echten Kratzsteine heute nicht mehr an ih-
                                                                                rem   ursprünglichen  Aufstellungsort  befin-
                                                                                den. „Sie lagen häufig einfach auf Schutthal-
                                                                                den, wurden dann mitgenommen und an
                                                                                anderer Stelle aufgestellt“, erinnert sich Wer-
                                                                                ner  Beckers, der als Kustos des Museums
                                                                                selbst so manchen dieser Steine gerettet und


                                                                                Die Engerstraße in einer Aufnahme kurz vor
                                                                                1900: Hier standen die beiden Gesichter als
                                                                                schwere Barockkonsolen aus Haustein nach
                                                                                einer Mitteilung von Gottfried Klinkenberg an
                                                                                Werner Beckers bis zum Umbau des Kuhtores
                                                                                vor der Bäckerei im Haus Engerstraße 4
                                                                                (Pfeil). Jakob Hermes zeigt diese Aufnahme in
                                                                                seinem Band „Kempen in alten Ansichten“.

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